Die Wahrheit über das Jobwunder

Ein sehr interessanter Beitrag zum derzeitigen “Jobwunder” ist am 28.07. als Podcast bei br-online erschienen.

Da der Podcast 45 Minuten dauert, hier zusätzlich eine kurze Zusammenfassung:

Arbeitsmarktzahlen (Juli 2010):

Arbeitslose: 3,2 mio.

Unterbeschäftigte (Arbeitslose, die krank oder in “Maßnahmen” sind): 1,1 mio.

“stille Reserve” (Arbeitslose, die nicht bei der Arbeitsagentur gemeldet sind): 1,2 mio.

Nicht in der Statistik sind zudem beispielsweise Arbeitslose, die über 58 Jahre alt sind oder die einen Vermittlungsgutschein für einen privaten Jobvermittler bekommen haben.

Arbeitsmarktstatistik der BA Juli 2010 (pdf-download)

Details zur Arbeitsmarktstatistik, z.B. Arbeitslose nach Berufen, können ebenfalls bei der BA heruntergeladen werden.

Atypische Beschäftigungsformen:

In verschiedenen Bereichen werden Arbeitnehmer in Teilzeitbeschäftigungen gezwungen, obwohl sie eigentlich Vollzeit arbeiten wollen. Dies geschieht durch sukzessives Abbauen der Stundenzahlen. Die Folge ist, dass das Gehalt nicht mehr zum Leben reicht, die Arbeitsbelastung aber gleich bleibt. Von den Beschäftigten wird häufig verlangt, während der gesamten Öffnungs- oder Betriebszeiten flexibel zur Verfügung zu stehen, obwohl sie eigentlich nur 10 oder 20 Stunden arbeiten. Überstunden werden häufig nicht bezahlt, 400€-Jobber werden wie Tagelöhner behandelt.

Insgesamt sind zur Zeit über 1/3 der Arbeitnehmer in Deutschland in solche “atypischen Beschäftigungsformen” eingebunden.

Qualifikation:

Durch die Hartz-Reformen wurden Weiterbildungen, die zu einem Berufsabschluss führen, fast vollständig heruntergefahren. Schlecht ausgebildete Langzeitarbeitslose können sich somit nicht für einen Beruf qualifizieren.

Für gut ausgebildete Langzeitarbeitslose dagegen gilt: Wer schon länger arbeitslos ist, wird auch jetzt keine Stelle bekommen, da er mit den neuen Berufsabsolven konkurriert und die Unternehmen diese vorziehen.

Übrigens werden 90% der Auszubildenden nach der Lehre nicht übernommen. Die Unternehmen setzen hier häufig darauf, dass ein neuer Auszubildender billiger ist als eine bereits ausgebildete Fachkraft, aber im Wesentlichen dieselben Aufgaben übernehmen kann.

Niedriglohnsektor:

80% der schlechtbezahlten Arbeitsplätze werden von Arbeitnehmern mit Berufsausbildung besetzt, 7 bis 8% haben sogar eine Hochschulausbildung.

Geringqualifizierte Arbeitnehmer, die vom Niedriglohnsektor profitieren sollten, kommen auch in diesem Sektor also kaum zum Zug.

9,3 Mrd. € pro Jahr werden für die Aufstockung von Niedriglöhen mit Hartz IV ausgegeben. Das heisst: Arbeitgeber, die nicht bereit sind, höhere Löhne zu zahlen, werden vom Staat subventioniert.

Nach einer Studie des IAQ (pdf-download am Ende der Seite) sind 6,5 mio Deutsche im Niedriglohnbereich beschäftigt, wobei in den letzten Jahren erhebliche Lohnkürzungen stattfanden. Von den Niedriglöhnern bekamen mehr als 2 mio Beschäftigte einen Stundenlohn von unter 6 €, über 1,2 mio sogar noch unter 5 €.

Dies führt zu einer starken Belastung der Sozialkassen, da diese Arbeitnehmer häufig dazu gezwungen sind, ergänzend Hartz IV zu beantragen. Selbst wenn man nicht wie in Frankreich einen Mindestlohn von 8,30 € einführte, sondern nur von 7,50 €/Std ausgehen würde, hätten die deutschen Sozialkassen jählich 5 Mrd. € mehr zur Verfügung.

Über die Studie wurde u.a. auch am 27.07.2010 in der “Zeit” berichtet.

Druck auf Mittelschicht

Insgesamt ist eine Abnahme der Solidarität zwischen Arbeitnehmern zu verzeichnen. Dies ist auf den Einsatz von Leiharbeiten zurückzuführen, die teils gezielt als Drohung für die regulär beschäftigete Belegschaft eingesetzt werden oder von den Beschäftigten als solche aufgefasst werden.

Die Mittelschicht wurde in den letzten Jahren ausgedünnt und nach oben und vor allem unten umverteilt. Viele ehemalige Mittelschichtberufe wie Briefträger oder Busfahrer sind in den Niedriglohnsektor gerutscht. Demgegenüber ist die Oberschicht nur unwesentlich gewachsen, aber reicher geworden.

Zum Schrumpfen der Mittelschicht wurde in verschiedenen Medien berichtet, ich verlinke hier beispielhaft den Bericht in der “Zeit” vom 15.06.2010.

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